Auf einen Blick
  • Gewinn- und Verlustrechnung, Bilanz und Kapitalflussrechnung beantworten unterschiedliche Fragen.
  • Forderungen, Vorräte und Investitionen erklären oft große Unterschiede zwischen Gewinn und Zahlungsmitteln.
  • Bereinigte Ergebnisse und freie Cashflows sind nur mit ihrer konkreten Definition sinnvoll vergleichbar.

Drei Rechnungen, drei verschiedene Fragen

Ein Unternehmen meldet mehr Umsatz und einen höheren Gewinn. Trotzdem schrumpft sein Kassenbestand. Das muss kein Widerspruch sein. Die Gewinn- und Verlustrechnung erfasst Erträge und Aufwendungen einer Periode. Die Bilanz zeigt Vermögen und Verpflichtungen an einem Stichtag. Die Kapitalflussrechnung erklärt dagegen die Veränderung der Zahlungsmittel. Erst zusammen ergeben die Dokumente ein belastbares Bild.

Die amerikanische Wertpapieraufsicht SEC erläutert diese unterschiedlichen Aufgaben in ihrem Leitfaden zu Finanzberichten. Für die praktische Lektüre ist daraus eine einfache Reihenfolge ableitbar: zunächst das Geschäftsergebnis verstehen, anschließend den Weg zu den Zahlungsströmen verfolgen und schließlich prüfen, welche Verpflichtungen diesen Mitteln gegenüberstehen.

Umsatz entsteht nicht erst beim Zahlungseingang

Nach IFRS 15 hängt die Umsatzrealisierung grundsätzlich davon ab, dass zugesagte Leistungen auf den Kunden übertragen werden. Das kann zu einem Zeitpunkt oder über einen Zeitraum geschehen. Zahlung und Umsatz müssen deshalb nicht im selben Monat anfallen. Die konkreten Vertragsbedingungen und Bilanzierungsregeln sind entscheidend.

Ein bewusst vereinfachtes Beispiel: Ein Unternehmen liefert im Dezember eine Maschine für 100.000 Euro aus und erfüllt damit seine Leistungspflicht vollständig. Der Kunde bezahlt vertragsgemäß erst im Februar. Unter diesen Annahmen kann im Dezember Umsatz und eine Forderung entstehen, obwohl noch kein Geld eingeht. Die Forderung ist ein Vermögenswert, aber sie bezahlt zunächst keine Löhne und keine Lieferanten.

Umgekehrt kann ein Kunde eine Leistung im Voraus bezahlen. Dann fließt Geld zu, bevor der entsprechende Umsatz vollständig erfasst werden darf. Ein hoher Zahlungszufluss ist somit ebenfalls nicht automatisch gleichbedeutend mit einem hohen Gewinn derselben Periode.

Wie aus 60 Millionen Gewinn nur 50 Millionen Cashflow werden

Die IFRS Foundation beschreibt für die indirekte Kapitalflussrechnung eine Überleitung vom Ergebnis zu den Zahlungsströmen. Dabei werden unter anderem nicht zahlungswirksame Aufwendungen und Veränderungen des operativen Umlaufvermögens berücksichtigt. Das klingt abstrakt, lässt sich aber mit wenigen Modellzahlen sichtbar machen.

Angenommen, ein fiktiver Hersteller erzielt 60 Millionen Euro Periodengewinn. Darin stecken 20 Millionen Euro Abschreibungen, denen in dieser Periode keine entsprechende Auszahlung gegenübersteht. Gleichzeitig steigen offene Kundenforderungen um 25 Millionen Euro und Vorräte um 15 Millionen Euro. Höhere Lieferantenverbindlichkeiten halten vorübergehend 10 Millionen Euro im Unternehmen.

Unter der vereinfachenden Annahme, dass keine weiteren Überleitungspositionen bestehen, ergibt sich: 60 plus 20 minus 25 minus 15 plus 10 gleich 50 Millionen Euro operativer Cashflow. Das Beispiel behauptet keine Bilanzierungsregel für einen konkreten Konzern. Es zeigt, warum eine Gewinnsteigerung und eine schwächere Kassenentwicklung gleichzeitig möglich sind.

Forderungen und Vorräte brauchen eine Geschichte

Wachsende Forderungen können schlicht zu einem wachsenden Geschäft gehören. Sie können aber auch auf längere Zahlungsziele oder verzögerte Kundenzahlungen hinweisen. Zusätzliche Vorräte können eine geplante Produkteinführung vorbereiten oder aus schwächerem Absatz entstehen. Dieselbe Veränderung in einer Tabelle kann daher wirtschaftlich sehr unterschiedliche Ursachen haben.

Eine nützliche Lesefrage lautet: Wachsen Forderungen und Bestände ungefähr mit dem Umsatz, oder lösen sie sich über mehrere Perioden davon? Anschließend wird die Erklärung im Anhang oder Lagebericht gesucht. Eine einzelne Abweichung ist ein Prüfhinweis, kein Beweis für schlechte Bilanzqualität. Gerade saisonale Geschäfte benötigen einen Vergleich mit derselben Vorjahresperiode.

Der freie Cashflow hängt von seiner Definition ab

Vom operativen Cashflow werden häufig Investitionsauszahlungen abgezogen, um einen freien Cashflow zu beschreiben. Die konkrete Definition ist jedoch zu prüfen. Manche Unternehmen beziehen weitere Investitions- oder Finanzierungsposten ein. Die Kennzahl darf deshalb nicht allein anhand ihres Namens zwischen Konzernen verglichen werden.

Im Herstellerbeispiel bleiben nach 35 Millionen Euro Auszahlungen für Anlagen und andere langfristige Betriebswerte rechnerisch 15 Millionen Euro. Dieser Modellbetrag steht vor weiteren hier nicht betrachteten Zahlungen, etwa einer Schuldentilgung oder Ausschüttung. Er ist weder mit dem Gewinn von 60 Millionen Euro identisch noch automatisch vollständig für Aktionäre verfügbar.

SAP weist in seinem eigenen Berichtsrahmen darauf hin, dass alternative Kennzahlen anderer Unternehmen abweichend definiert sein können und die regulären Rechnungslegungsgrößen ergänzen. Genau diese Prüfung gehört auch bei einem vermeintlich vertrauten Begriff wie Free Cashflow zur Analyse.

Bereinigte Ergebnisse verdienen einen zweiten Blick

Ein bereinigtes Ergebnis kann den Vergleich erleichtern, wenn tatsächlich außergewöhnliche Vorgänge herausgerechnet werden. Es kann aber auch einen günstigeren Eindruck erzeugen, falls regelmäßig wiederkehrende Belastungen immer wieder als Sonderfälle erscheinen. Entscheidend ist die nachvollziehbare Überleitung zum ausgewiesenen Ergebnis.

Die ESMA-Leitlinien zu alternativen Leistungskennzahlen sehen unter anderem verständliche Definitionen, Vergleichsangaben und die Überleitung zu unmittelbar zuordenbaren Abschlussgrößen vor. Für Leser heißt das: Welche Position wurde entfernt? Wie groß ist sie? Ist sie zahlungswirksam? Kam eine ähnliche Bereinigung bereits in früheren Jahren vor? Erst die Antworten machen aus einer bereinigten Zahl eine verständliche Information.

Ein Quartal ist ein Ausschnitt

Am Ende sollte eine kleine eigene Notiz stehen: Wie entwickelte sich das laufende Geschäft, wie viel Geld kam daraus an, und welche Investitionen oder Verpflichtungen beanspruchen dieses Geld? Dazu gehört auch, ob Aussagen eine einzelne Dreimonatsperiode oder bereits das gesamte bisherige Geschäftsjahr betreffen.

Mehr Gewinn bei geringerem Cashflow kann durch vorübergehende Zahlungsverschiebungen erklärbar sein. Wiederholt sich die Lücke ohne überzeugende Erklärung, wird sie analytisch wichtiger. Das Ziel ist nicht, eine Kennzahl zur einzig richtigen zu erklären. Es ist, die Unterschiede zwischen den Rechnungen zu verstehen, bevor aus einem guten Schlagwort ein vorschnelles Urteil über die Aktie wird.

Quellen & weiterführende Links

  1. SEC: Beginners’ Guide to Financial Statements (öffnet in neuem Tab)
  2. IFRS Foundation: IFRS 15 – Umsatzrealisierung (öffnet in neuem Tab)
  3. IFRS Foundation: IAS 7 – Kapitalflussrechnung (öffnet in neuem Tab)
  4. ESMA: Leitlinien für alternative Leistungskennzahlen (öffnet in neuem Tab)
  5. SAP Investor Relations: Reporting Framework (öffnet in neuem Tab)
Hinweis zur Einordnung

Dieser Beitrag dient der Information und ersetzt keine persönliche Anlageberatung. Kapitalanlagen können an Wert verlieren. Historische Entwicklungen erlauben keine verlässliche Aussage über künftige Ergebnisse.